Denken und schenken – ein Besuch auf der „re:publica”
Ausnahmezustand in der Berliner Kalkscheune: ca. 800 “Blogger und andere Netzbewohner” (weibliche Web-Wahnsinnige musste man ein bisschen suchen) trafen sich drei Tage lang, um auf der Konferenz “re:publica” über alles, was das Netz begehrt, zu diskutieren. Darunter waren auch zwei Veranstaltungen, die Raul und ich uns explizit ausgesucht haben: Zum einen: “Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus – Kampagnen und NGOs im Netz“. Hier diskutierten Christian Scheifl (Aktion Mensch/dieGesellschafter.de), Benedikt Köhler, Volker Gassner (Greenpeace) sowie Markus Beckedahl (newthinking communications/netzpolitik.org) über die Möglichkeiten der Internet-Nutzung für NGOs. Willkommen in der Mitmach-Welt.
Auf dem Podium fielen Stichworte wie barrierefreies Internet, Integration von online- und offline-Medien, vom Monolog zum Dialog und Protestbloggen als Mikroaktivismus. Beckedahl verwies auf die Möglichkeit des online-Campaignins mittels Blogs und Wikis. Jeder kann nun z.B. in verschiedensten Situationen sein eigenes Kamera-Team sein: Mit dem Handy Filme drehen, ins Netz stellen. Jede/r ist Kampagnenmanager im Mitdenk-Web.
Zwischendurch war Erheiterndes auf der sms-Wand zu lesen. Hinter dem Podium wurden auf einer Projektionsfläche sms-Mitteilungen als “stille Zwischenrufe” gezeigt. “Wie sieht eigentlich die Klima-Bilanz der sms-Wall aus?”, oder nach dem Wortbeitrag eines Redners: “Filter des Journalismus. Mir wird schlecht.”, “Wir gehen jetzt eeepc’s kaufen.” und so weiter.
Deutlich wurde in der Podiumsdiskussion, dass Greenpeace und die Aktion Mensch (nein, sie heißt schon lange nicht mehr Aktion Sorgenkind) als zwei sehr große Organisationen, aufgrund ihrer Strukturen manchmal nur schwerfällig agieren können, mal abgesehen von den schnellen Schlauchboten der Umweltorganisation. Ihre Arbeit ist langfristig angelegt. Finanziell sind sie gut aufgestellt. Die Aktion Mensch beispielsweise, hatte für die Kampagne dieGesellschafter.de im ersten Jahr ein Budget (inklusive Media) von 10 Millionen Euro (!). Kleine unabhängige Gruppen oder Aktionen hingegen haben, trotz Geldknappheit, vergleichsweise schnellere aber auch kurzfistigere Handlungsmöglichkeiten.
Netz hin oder her: ein “anaolges/offline” Treffen, also das Vernetzen von Akteuren über Ortsgruppen, das “reale” Zusamenkommen ist über das “online”-Vernetzen hinaus für eine Identitätsbildung enorm wichtig, so die sehr richtige Einschätzung einer Person aus dem Publikum. Alles in allem war es eine “ok” Veranstaltung, die für den ein oder anderen Geistesanstoß ganz nützlich war.
Im Anschluss stellte Volker Gassner ausführlich und sehr strukturiert die Internet Strategie von Greenpeace Deutschland vor. Er sei ein Öko, kein Lohas, so Ökonom und Biologe Gassner vorab. Diskutieren, informieren, engagieren und vernetzen, das seien die Kernbereiche, die die neue online-Strategie leisten soll. Die ersten eigenen Blogs, derzeit sind es Kampagnenblogs, hat die Organisation bereits gestartet, als ersten Einstieg in eine Möglichkeit, eigene Kampagnen durch ihre eigenen Campaigner zu vermitteln. “Die Mitarbeiter sind warm”, so Gassner. Die ersten Auffwärmübungen im Netz haben sie bestanden. Über Youtube wird bereits ein eigener Videochanel angeboten, ein myspace-Profil (ich kann es aber nicht finden) sei ebenfalls eingerichtet. Eine Kooperation mit ivyworld und utopia.de läuft (ist das nicht was für Lohas, Herr Gassner?).
Eine “Community”, ein “Social Network”sei geplant, wobei an dieser Stelle zurecht der Einwand aus dem Publikum folgte, ob es denn sinnvoll sei, den bereits bestehenden ein weiteres hinzuzufügen. Facebook, StudiVZ und Xing und so weiter gibt es doch bereits, wieso noch eins? Hier wird sicherlich die technische Weiterentwicklung wichtig sein, die es erlaubt, nicht mehr so viele Portale nebeneinander bedienen zu müssen, sondern seine “Identität” mitnehmen zu können. Unabhängig von Greenpeace gilt das sicherlich auch für alle anderen, die vorhaben, in Zukunft eine online-Community ins Netz zu pflanzen. Entwicklungen hierzu laufen bereits, soweit ich weiß (aber Mario Ruckh ist da eher der Experte).
Wir dürfen gespannt sein, was Greenpeace und viele andere große und kleine Organistionen in nächster Zeit so alles auf die Beine stellen werden, online wie offline.
Die besprochenen Beiträge stehen zum Nachhören und -schauen zur Verfügung: advocacy 2.0 (mp3) | advocacy 2.0 (hobnox-video) Greenpeace Internetstrategie (mp3) | und: alle Podcasts | Pressespiegel
Am 6. April 2008 um 00:26 Uhr
[...] was gerecht ist: Denken und schenken – ein Besuch auf der „re:publica” addthis_url = [...]
Am 6. April 2008 um 23:33 Uhr
[...] konnte man auf der re:publica ‘o8 erfahren, dem Bloggertreffen in Berlin. Das Weblog Alles, was gerecht ist berichtet über die Statements der Vertreter von Greenpeace und Aktion Mensch und liefert die Links [...]
Am 8. April 2008 um 19:23 Uhr
[...] der beiden “Web 2.0 in an NGO world”-Veranstaltungen unbedingt Andreas Post auf Alles was gerecht ist [...]
Am 8. April 2008 um 20:07 Uhr
Ein Fehler: Es hieß nicht “Filter der Medien”, das wäre okay. Symbolische Politik wird erst durch die mediale Vermittlung mächtig und Medien müssen nicht zwangsläufig Massenmedien sein, sondern können auch Dialogmedien sein.
Es hieß aber “Filter des Journalismus” und damit habe ich ein Problem. Daraus spricht die Angst vor den Leuten, vor vernetzten Aktionen, die eine eigene Logik haben und sich unter Umständen auch in nicht vorhergesehene Richtungen entwickeln können. Die großen NGOs wollen aber ihre Machtposition behalten: allenfalls ein harvesting the crowd ist drin.
Am 8. April 2008 um 22:42 Uhr
stimmt, Benedikt. Danke für den Hinweis. Hab’s korrigiert.
Am 9. April 2008 um 10:25 Uhr
[...] der beiden “Web 2.0 in an NGO world”-Veranstaltungen unbedingt Andreas Post auf Alles was gerecht ist [...]
Am 13. April 2008 um 17:55 Uhr
[...] im Allgemeinen und der Session Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus im Speziellen findet Ihr auch bei Alls-was-gerecht-ist, betterplace, viralmythen, Africa-Help oder [...]