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Sigmar und die Öko-Schickeria – ein Protokoll

gruenewelle_2.jpgZugfahren ist schön, da kann ich mal einen längeren Artikel “vor”-schreiben. Hier nun meine Beobachtungen zur Veranstaltung “Die neue grüne Welle” vom vergangenen Dienstag:

Zu Beginn herrschte Schweigen: Wir warteten auf die Live-Schaltung des Deutschlandradios. Die Kameras des Senders phoenix standen bereits parat. Die Podiumsteilnehmer schreiten auf die Bühne, ein kleines Mikro tragen sie wie eine Freisprechanlage im Gesicht. Frauke Hamann, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der ZEIT-Stiftung, eröffnet die Veranstaltung mit dem im Nachhinein vielleicht besten Beitrag des Abends. Da fällt die schwarz-grüne Koalition in Hamburg als Stichwort, Luxus als Bewußtsein, heute sei der “Tag der Erde”, also eine hervorragende Terminplatzierung des Abendprogramms. Seit 2002 sei das Thema “Nachhaltigkeit” in der Verfassung verankert, Artikel 20a. “Alles wird gut, alles wird grün?”, fragt Hamann. Wie mächtig ist strategischer Konsum? Wird es einen Green Deal geben? Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ökologische Tragfähigkeit werden nicht mehr weiter getrennt, sondern zusammengedacht. Der grüne Lifestyle sei schick, aber ist er auch wirkungsvoll?

Umweltminister Gabriel beginnt mit einem Einstieg zur “cebit”. Er wirkt ein bisschen müde, fast träge, wie er da so in seinem Sessel sitzt. Vielleicht muss er sich noch in Rage reden? Er spricht über die Qualifikation von Arbeitskräften und der technologischen Herausforderung.
“Ist der ADAC mächtiger als die Umweltverbände?”, fragt der erste Journalist. Gabriel weicht ein bisschen aus (bevor er später dann doch ausführlich über Autos reden wird) und verweist auf den regionalen und globalen Handel. Es müssten auch Nachhaltigkeitskriterien für Futtermittel und nicht nur für Nahrungsmittel entwickelt werden. 20 verschiedene Siegel seien zu unübersichtlich.

Herr Stehr prognostiziert, dass es einen langfristigen Trend zur Moralisierung der Märkte geben werde, der aber immer von kleinen Rückschritten begleitet werden wird. Er schließt nicht aus, dass die grüne Welle auch in die Entwicklungsländer überschwappen wird.

Claudia Langer, die zunächst immer wieder auf ihre “Community” hinweist – also jene Utopisten auf utopia.de – sagt, dass sie – also utopia – sich auch verlaufen könnte. Dann würde sie zurückkehren. Zurück ins “alte” Leben? Bisher haben sie sich aber noch nicht geirrt. Daraufhin entgegenet Gabriel: “Einmal irren in einem halben Jahr ist eine gute Quote. Da, wo ich herkomme, passiert das öfter.” Langer führt weiter aus, dass uptopia es den “Kunden” oder “usern” (nenne wir es, wie wir wollen) so einfach wie möglich machen wolle. Utopia als neue Verbraucherschutzzentrale?

Hubert Weinzierl klingt sich ein und sagt, jetzt sei die Phase des Handelns, des Tuns. Es gebe eine Werte- bzw. Lebensstildebatte. Diese dürfe aber nicht nur bei den Wohlhabenden stattfinden. Sie müsse ehrlich sein und dürfe kein ausschließliches Anliegen der “Öko-Schickeria” sein. Schönes Wort. Man müsse mit den Ansprüchen bescheidener werden. Vielleicht bräuchten wir neben dem Bruttoinlandsprodukt ein Glücksprodukt. Aha? Auf die Frage, wer die Träger der derzeitigen Bewegung seien, entgegnet Weinzierl: “Die Umweltbewegung und die junge Generation, die Lust auf Zukunft hat”. Es gehe nicht nur um die “Enkelverantwortung” sondern egoistisches Denken helfe hier viel weiter. Beispiel: “Ich möchte in einer gerechten Welt leben” ist z. B. ein Ansatz.

Gabriel ist wieder dran und leistet sich einen Versprecher: “Wir können uns keinen Klimawandel leisten” sagt er. Das kann man auch zweideutig verstehen. Ökonomen müssten ökologischer werden und Ökologen ökonomischer werden. Das Ö wird zum O und umgekehrt. Und dann sagt er noch: “Bei uns ist die Theorie des Kinderkriegens bekannt, bei anderen auch die Praxis”. Ob ihm das wohl Frau von der Leyen gesagt hat? Gabriel schwenkt um zum Wohnungsbau. Nebenbei sagt er, er sei zu Lichtblick gewechselt. Darf er so was eigentlich sagen? Der macht doch Werbung! Ich finde es nicht gerade richtig, Ökostrom mit Lichtblick gleichzusetzen. Lichtblick ist ein Anbieter von mehreren. Also, ich bin bei EWS Schönau, nur so am Rande…

Langer hat Fragen an Sigmar aus ihrer “Community” gesammelt, in der ich seit sechs Monaten so eine Art “totes Mitglied” bin. Was seien seine 3 Erfolge? “Das Erneuerbare Energien-Gesetz” (kurz EEG), entgegenet Gabriel als erstes. Dann müssen wir weniger Sprit verbrauchen (Anm. und weniger Autofahren). Bis 2020 wolle Deutschland 30% der Energie aus erneuerbaren Energien gewinnen.I m Wohnungsbau werde auch etwas getan. Er redet dann über Rußpartikel-Filter und Kamine und wieviele Menschen an Feinstaubbelastung sterben.

Der zweite Journalist fragt, ob man nicht permanetes Marketing für eine permanente Veränderung benötige. Stehr wirft ein, dass sich Verbraucher mehr und mehr für Prozesse interessieren. Wie entstehen bestimmte Dienstleistungen? Der output allein reiche nicht mehr aus. Große Konzerne passten sich bereits dieser Entwicklung an.

Wieder sind die Journalisten an der Reihe: Biokost und Ökokult, falsche Labels, falsche WIrklichkeit? Gabriel sagt, Nachfrage regle die Produktion. “Von mir aus können alle einen Touareg kaufen (hey, er sagt nicht SUV), solange sie anschließend CO2-Zertifikate kaufen.”. Ich sage nur: “cheat neutral, Sigmar!”. Jeder der Teilnehmer auf dem Podium spult sein Programm ab. Wieder Frau Langer: Utopia versuche, den Verbraucher so gut es geht zu vertreten. Sie schwärmt für das 3-Liter-Auto “Lupo“von VW, dessen Produktion eingestellt wurde. Spritsparende Autos werden zu wenig beworben. Gabriel behauptet daraufhin, er sei auch mal Lupo gefahren. Er redet sich nun in Rage. Er fahre jetzt S-Klasse (Mercedes), mit Hybridmotor (Gabriel ist damit ja wohl mindestens so cool wie George Clooney und Brad Pitt). Wer mit einem Lupo fahre, habe keine Kunden oder sei seinen Job los. Er verheddert sich in seiner Art zu reden und sagt dann, man müsse Automobile downsizen. Ja, downsizen. Ich stelle mir dabei vor, wie Gabriel aus seiner S-Klasse die Luft rauslässt und vor ihm ein kleiner Lupo steht und er ein langes Gesicht macht. Dann muss der Minister gehen. Er fahre Bahn, sagt er. Und dann verschwindet er, begleitet von ein paar Secrutity Männern.

Wieder macht Langer Werbung. “Sind die Lohas sowas wie früher in der Schule die Streber aus reichem Elternhaus?”, fragt einer der Journalisten auf dem Podium. Langer findet die Greenpeace-Kampagne “green my apple” ganz toll. Als einzige Frau in der Runde wird sie emotional. Es sein ein historischer Moment. “Ich spüre das”. Hm, die Diskussionsrunde ist schwer klischeebesetzt. Die Ökobewegung der 80er sei nicht massentauglich gewesen, so Langer. Nun wollen sie (also sie und die Lohas) das werden. Jeder müsse sich diesen Lebensstil leisten können, so Weinzierl.

Dann beginnt die offene Fragerunde. Schade, dass niemand den Gabriel mehr was fragen kann. Die erste Frage aus dem Publikum ist, wieso es eigentlich keine “Hafenstadt Deutschland” gibt. Stattdessen werden nach und nach die Fahrrinnen der Flüsse vertieft. Interessanter Einwurf, finde ich.
Dann folgt eine Anmerkung eines älteren Herrn, dass die Chinesen und Inder kommen und er schon immer Faxe schreibt, aber sich nichts tut. Oh man, in Fragerunden kommen manchmal seltsame Dinge zu Tage. Und wieder Langer: “Politik beginnt im Supermarkt”.
Kai von der Naturfreundejugend stellt endlich mal eine schlaue Frage: Die nach unserer Kultur! Müssen wir nicht eine Veränderung in unserer Kultur vornehmen? Daraufhin schlägt Weinzierl vor, eigene Lebensmittel zu ziehen. Also ein Playdoyer fürs Gärtnern. In Städten in den USA gebe es Community-Plots, die das Pflanzen auch ohne Balkon ermöglichten.
Eine Philosophie-Studentin stellt nun die Ideologiefrage, als plötzlich ihr Handy klingelt: Auf was für einer Ideologie beruft sich die grüne Welle? Ich weiß nicht mehr, ob es darauf eine Antwort gab.
Die letzte Frage richtet sich an die beiden fragenden Journalisten: Wie können eigentlich Journalisten helfen, dass Thema Sustainable Lifestyle oder wie auch immer das nun heißt, in die Medien zu bringen? Dann endet der leicht wirre Abend ohne wirkliche Antworten auf die (sinnvollen) Fragen. Von Podiumsdiskussionen sollte man nicht viel erwarten. Es gibt also noch viel zu tun!

Einen kurzen Ausschnitt der Diskussion kann man sich bei utopia.de anschauen: video
Der Mitschnitt der Veranstaltung ist bis mindestens zum 23.09.08 über Deutschlandradio (dradio) als mp3 verfügbar.

Zugfahren ist schön, da kann ich mal einen längeren Artikel \"vor\"-schreiben. Hier nun meine Beobachtungen zur Veranstaltung \"Die neue grüne Welle\" vom vergangenen Dienstag: Zu Beginn herrschte Schweigen: Wir warteten auf die Live-Schaltung des Deutschlandradios. Die Kameras des Senders phoenix standen bereits parat. Die Podiumsteilnehmer schreiten auf die Bühne, ein kleines Mikro tragen sie wie ...

Montag,28. April 2008 | von Andrea Nienhaus | Beitrag kommentieren | Kommentare als RSS 2.0 Feed abonieren | Kategorien Digital Lifestyle, hingehen!, Organisationen, Umwelt, Wirtschaft und Finanzen | direkten Link anzeigen

4 Kommentare zu “Sigmar und die Öko-Schickeria – ein Protokoll”

  1. Helpedia - Blog » Blog Archive » Helpedia-News vom 20.–28. April 2008
    Am 29. April 2008 um 15:12 Uhr

    [...] Die neue grüne Welle Unter dem Titel “Sigmar und die Öko-Schickeria – ein Protokoll” schreibt Andrea Nienhaus mit amüsant-süffisantem Unterton über eine Diskussionsrunde des Zeit Forum Wissenschaft. [...]

  2. better » Blog Archive » Cheat green?!?
    Am 1. Mai 2008 um 07:21 Uhr

    [...] Alles-was-gerecht-ist, gibt’s eine herrlich süffisante Zusammenfassung zum ZEIT-Forum “Die neue grüne [...]

  3. Jan Michael
    Am 13. Mai 2008 um 16:01 Uhr

    Hmm, „die Apple-Kampagne ‚green my apple‘“ ist aber eine Greenpeace-Kampagne … Haben wir das so gut versteckt?!?

  4. Andrea Nienhaus
    Am 15. Mai 2008 um 19:10 Uhr

    @Jan Michael: Du hast natürlich vollkommen Recht! Hab’s geändert…

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