Hysterie vor der Siegessäule
Hunderttausende wollen Barack Obama sehen – doch die strengen Sicherheitskontrollen bewältigen nur einen Bruchteil der Besuchermassen. Viele stehen enttäuscht vor der Siegessäule und kommen nicht mehr vor das Podium. Ich selbst habe auch nicht mit dieser Vielzahl an Menschen gerechnet, trotzdem habe ich mich vorsichtshalber um Punkt 16 Uhr auf den Weg gemacht um dabei zu sein. Es ist eine seltsame Mischung von vielen jungen – aber auch sehr alten Menschen. Viele haben Verbindungen nach Amerika und erinnern sich noch an die Besatzerzeit.
Einige können es jedoch gar nicht wirklich artikulieren warum sie hier sind. Aber warum bin ich hier?
Warum? Das kann ich ehrlichgesagt auch nicht so genau sagen – irgendwie überkommt mich diese seltsam anmutende Atmosphäre – zwischen Starkult und Medienwunder – schwebt in der heißen Luft die Hoffnung nach einer besseren Welt – nach einer gerechten Welt für Alle.
Jetzt warten wir (etwa 200.000 andere mit mir) nur noch knapp 20 Minuten – dann spricht er zu uns – der Heilsbringer der Moderne…
Nachtrag: Und dann hat er uns alle noch 20 Minuten warten lassen – gegen 19:21 tratt er vor die Siegessäule und Jubelarien und lautes Kreischen überschalte den Platz vor der Siegensäule.
Alles wie bei einem Popstar – Deutsche Politiker werden vor Neid erblassen…
Tags: Barack Obama, Berlin, Rede, Siegessäule, USA, Wahlkampf


Am 24. Juli 2008 um 23:50 Uhr
Habe mir die vollständige Rede gerade hier angeschaut:
lg vom anderen Ende des Blogs
http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video353002.html
Wann hat zuletzt ein/e einzige/r deutsche/r Politiker/in so viele Menschen dazu bewegt, an einem Donnerstag Abend auf die Straße zu gehen ? War es 1989? Faszinierend ist wohl das Event als Großveranstaltung an sich. Videos online gucken oder Obama zuhause über Twitter verfolgen ist das eine, “in Echt” mit zweihundertausend Menschen auf der Straße des 17. Juni zu stehen, etwas anderes…
Hier ein kleiner Querverweis auf die Medientheorie: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels
Hoffe, der Ausflug in den Tiergarten hat sich gelohnt?
Am 25. Juli 2008 um 11:51 Uhr
Ich muss sagen, dass ich es auch schon sehr bedenklich finde, dass man die BürgerInnen im eigenen Land so nicht mobilisieren kann – wenn es doch um die eigenen Sache geht. Zumal viel Substanz hatte die Rede nicht, im Sinne von später in Präsidialhandeln umsetzbar sein, meine ich.
Trotzdem glaube ich, dass dieser starke Kontrast – die nüchterne Merkel-PK mit Bilanz vor der Sommerpause einerseits, der verehrte, bejubelte und mit Popstar-Qualitäten ausgestattete Senator aus Illinois andererseits – deutlich macht, wie BürgerInnen von Politikern angesprochen, ernstgenommen und behandelt werden wollen.
Die Deutschen sind demokratiemüde und reformüberdrüssig heißt es aller Orten. Dass es u.U. daran liegt, wie die Politiker mit ihrer Wählerschaft umgehen, darauf weisen die Wenigsten hin. Obama mag keine handfesten politischen Ideen und Visionen präsentiert haben. Allerdings zeigt er sich konstant authentisch, menschennah, interessiert am Leben seiner MitbürgerInnen. So wird man vom us-amerikanischen Wähler akzeptiert. Da kommt es nicht nur auf das Programm sondern auch auf die Erscheinung und sicher auch Inszenierung des “normalen Amerikaners” an, in Familie, sportsbegeistert, engagiert in der und für die Community etc.
Ich will nicht behaupten, dass das alles bloß “schöner Schein” sei – im Gegenteil: Die Politiker in diesem US-Wahlkampf waren allesamt bemüht, ihre menschliche, sozial interessierte und engagierte Seite zu zeigen und gleichzeitig als sattelfeste Führer/in der “freien Welt” aufzutreten.
@ Andrea: Danke für den Theorie-Hinweis.
Am 25. Juli 2008 um 12:56 Uhr
[...] Nonnenmacher von der FAZ sieht in Obama Kontrastprogramm zu Präsident Bush – ich sehe ihn eher als Kontrastprogramm zur hiesigen Politik. Johannes Leithäuser macht sich Gedanken zur Prioritätensetzung von [...]