Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und deren Nachhaltigkeit. Interessante Ideen & Projekte Ein Projekt der SOZIALHELDENAlles, was gerecht ist.
Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und deren Nachhaltigkeit. Interessante Ideen & Projekte

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Jenseits des Green-Glamour – und was machen wir jetzt?

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Foto: Vortrag Hans Reitz, “Die Krise – mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation”

Vorab: Ich habe wirklich überlegt, was der Grund meiner nunmehr dritten Teilnahme an der Karmakonsum-Konferenz und des darauf folgenden Greencamps ist: Diesmal hatte ich zwar keinen Vortrag oder Workshop in der Tasche, freute mich aber ein paar Leute aus den letzten Jahren wiederzusehen. Ich fuhr hin und ließ mich zwei Tage lang “berieseln”. Wie es mir erging, das diskutierte ich mit co-Autorin und -Besucherin Julia und schrieb es auf.

Virus im Finanzkörper
Dann sind wir da, im Ludwig-Erhard-Saal am Frankfurter Börsenplatz. Nebenan läuft normalerweise Deutschlands Broker-Elite über das Börsenparkett. Da wird gehandelt. Und zwar so richtig. Da werden Summen geschoben, dass es nur so kracht und crashed. Heute weht von dem Gebäude eine Karmakonsum-Fahne – wann hat die Börse vorher schon einmal so etwas erlebt? Ein Virus im Finanzkörper sollen wir sein. Leider ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit gering, weil die Händler nicht mit dabei sind. Vielleicht sind sie ja schon ohne uns etwas angeschlagen?

Dann der erste Vortrag: Marlen Thieme vom Nachhaltigkeitsrat spricht morgens um neun vom “Loha”. Loha? Lifestyle of hälls änd? Hells End? Da fehlt doch das “S” für Sus-tai-na-bi-li-ty!
Peter Unfried ist wieder gut, Simonetta Carbonaro bleibt im Geiste “hängen”, da sie jeden Satz mit einem schönen Bild veranschaulichen kann. Hans Reitz wollte ich ja unbedingt sehen, weil er für und mit Mohammad Yunus arbeitet. Wir brauchen mehr Ökotainment wie von Martin Unfried.  Max Wittrock rockt das mymuesli in stilsicherer BWL-Manier und einem ausgesprochenem Zeitgeist-Gefühl. Die wissen halt, wie man’s macht und wie man heute so was aufzieht. Dazwischen ein ärgerlicher Vortrag von der ecosign, zu dem ich mir eine Anmerkung für die Twitter-Wall (die von der Bühne leider schlecht einsehbar ist) wirklich nicht verkneifen kann (Bitte keine Hochschulwerbung!). Wenn eine umgebaute Badewanne, die als Einzelstück für einen dreistelligen Betrag produziert wird, als Nachhaltiges Design vorgestellt wird, frage ich mich, was die Studenten an der privaten Hochschule lernen. Im Alnatura-Chef-Vortrag erfuhren wir, dass sich der Alnatura Bienenschmaus ca. 75.000 mal verkauft hat und nun die Bienen wieder was gesundes zu Essen haben. Kooperationspartner ist Bee Good (die bieten sehr zu empfehlende Bienenpatenschaften an,  Honigglas inklusive.)

Award! Yeees!
Am Freitag Abend erhalten die Sozialhelden dann den KarmaKonsum-Gründer-Sonderpreis für das Projekt Pfandtastisch helfen. Es ist schön, dass das Projekt so gut läuft. Wir helfen einer Organisation, weil Menschen ihren Pfandbon spenden. Es sind Cent-Beträge. Sie sollen alle richtig viel trinken. Wenn’s geht aus Pfandflaschen!


Foto: Die Sozialhelden werden für das Projekt “Pfandtastisch helfen” ausgezeichnet

Consumere ergo sum – Ich konsumiere, also bin ich
Nach einem so vollen Tag brummt schließlich der Schädel, nicht nur vom Kaffee und Wein sondern wegen der Frage: Warum machen wir das alles? Warum reden wir einen Tag lang über Konsum und den Sinn, über Müsli und hungernde Menschen, über Badewannen und Motivationen? Ich komme zu dem Schluss: Es ist eine Frage der “Haltung”. Müssen wir das wieder lernen? Haltung? Achtung? Respekt? Lernen wir das heute in Konferenzen? Und setzen es um als Konsumenten?
Gibt es etwas Sinnfreieres als einfach zu kaufen? Was und wer sind wir noch, wenn wir nicht konsumieren? Ist Schlafen, Essen, Arbeiten, Einkaufen und Fernsehen alles, was wir noch haben? Sicherlich beginnt für viele der Einstieg erst einmal über den täglichen Einkauf, wenn sie sich dem Thema nachhaltiger Lebensstil zuwenden. Aber was kommt dann?

Grün Campen
Am Samstag, beim greencamp, da wundere ich mich über die eindimensionale Verwendung des Begriffs “Nachhaltigkeit”. Und das in gleich zwei Workshops: von Langlebigkeit bzw. Dauerhaftigkeit ist die Rede. Hm,.. zum Thema Nachhaltigkeit habe ich auch schonmal was anderes gelesen. Ökologie und Soziales und so. Ich frage einen Referenten, ob es Kriterien für seine “nachhaltige” Gründerberatung gibt. Die Antwort ist: nein. Und ob alle Ideen (sinnvoll oder nicht), gefördert werden? Ja, sagt er. Oh je!

Leider haben einige Referenten ihren Vortrag nicht als Austausch verstanden, sondern zur persönliche Werbeveranstaltung umgemünzt. Das ist weit entfernt von den Regeln eines Barcamps. In Frankfurt heißt es: Ihr könnt alle was tun. Ihr alle. Du musst nur bei dir selbst anfangen. Jeder kann was machen. Klein anfangen. Aber: Stimmt das wirklich? Die einen sind aktiver, aktionistisch, Machertypen. Die anderen warten erstmal ab, schauen und machen vielleicht dann mit, wenn ihnen die Möglichkeit dazu geboten wird.

Während wir mit unserem Biosalat auf den Treppen des Gebäudes der Frankfurter Wertpapier-Börse sitzen und Menschen in den gegenüberliegenden “Görtz” rennen sehen, wird klar: Ja, es gibt Menschen, die gehen am Samstag einfach nur shoppen, während wir darüber nachdenken, wie wir in der Welt bzw. in unserer kleinen Welt etwas anders machen können. Wer sagt, dass wir das müssen? Nicht alle. Aber: Vielleicht müssen wir uns überlegen, wie wir andere dazu motivieren können, mitzumachen.

In nur 100 Meter Entfernung treffen wir auf eine andere Realität als die der strategischen Konsumenten. Wenn die Verkäuferin im Coffeeshop – gleich neben dem “Görtz” – meine Frage nicht versteht, warum sie nur Plastiklöffel haben, und erst einmal glaubt, man habe gesundheitliche Bedenken, dann merkt man plötzlich, in was für einer Blase wir da sitzen. Sie will ihrem Chef vorschlagen, Besteck aus Edelstahl zu kaufen, verspricht sie uns. 

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Foto: Demonstration der Piratenpartei in Frankfurt

Klar machen zum Ändern
In der Seitenstraße am Börsenplatz wird es laut: Eine Demo der Piratenpartei zieht vorbei. Unbemerkt. Vor wenigen Tagen ist ein SPD-Mitglied beigetreten, Herr Tauss. Sein Beitritt ist fraglich. Während wir immer noch unseren Salat essen, versuchen in Berlin ein paar Tausend Aktivisten, das Gelände des Flughafens Tempelhof zu besetzen. Es soll eine friedliche Aktion werden. Ein symbolischer Akt soll es sein. 100 Personen werden festgenommen. Protestformen gibt es heutzutage viele verschiedene: Am Samstag zuvor startete Deutschlands erster Carrotmob (es war wirklich cool!). Im September ist globaler Parking Day (das wird hoffentlich auch richtig cool!).

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Foto: Carrotmob in Berlin am 13. Juni 2009

Am Sonntag wurde in Berlin-Mitte das “andere Parken” vorab getestet und ein Parkplatz besetzt und begrünt. Es kommen ein paar Passanten vorbei. Einige lassen sich auch auf ein Gespräch ein. Warum wir autofreie Innenstädte brauchen und mehr Park statt Parkplatz, darüber wird hier informiert. Es ist eine wahrlich kleine Aktion. Der Berliner Kurier berichtet am nächsten Morgen darüber. Aber den Park bekommen wir nicht, wenn wir nur mehr Biojoghurt kaufen oder eine Gemüsekiste aus Brandenburg bestellen.

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Foto
(P. Hildebrandt): Parking Day, Berlin

Jenseits des Green-Glamour
Ja, wir müssen klug konsumieren, ja, wir müssen Bio einkaufen, und überhaupt: müssen wir dauernd einkaufen? Vielleicht sollte ich einfach wieder Klavierunterricht geben und jungen Menschen dabei helfen, dem Sound im Kopf freien Lauf zu lassen.

Musikmachen rettet zwar nicht das Klima, aber es ist quasi eine Präventionsmaßnahme für zuviel Konsum. Und: Ich tue etwas. Ganz direkt. Ist gut fürs Karma. KarmaMusika. Ein Klavier verbraucht noch nicht einmal Strom! Gitarren und Schlagzeuge auch nicht. Es sei denn, man spielt mit Verstärker. Musik machen, by the way, schafft etwas, das mehr ist als “reden über”. Es ist schöpferisches Handeln. “Man müsste mal ein C spielen dann ein E und B”, das gibt’s in der Musik nicht. Musik verbindet.

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Foto: Fete de la Musique am 21. Juni 2009, Mauerpark Berlin

Beim Fete de la Musique, das in Berlin leider im Regenschauer endet, wird mir das wieder sehr bewusst. Musik hat das unglaublich schöne Potenzial, ganz viele Menschen zusammenzubringen. Damit endet das Wochenende jenseits des “Green Glamour”.

Text: Andrea Nienhaus, Julia Hartmann

Donnerstag,25. Juni 2009 | von Andrea Nienhaus | Beitrag kommentieren | Kommentare als RSS 2.0 Feed abonieren | Kategorien Digital Lifestyle, Pfandtastisch helfen!, Shopping/Konsum, Soziales, in eigener Sache | direkten Link anzeigen

8 Kommentare zu “Jenseits des Green-Glamour – und was machen wir jetzt?”

  1. Karsten
    Am 25. Juni 2009 um 14:03 Uhr

    Andrea und Julia, das ist sehr schöner Text, der viele Gedankenanstösse liefert. War seit dem Carrotmob auch etwas am Grübeln, ob das so die beste Methode ist, um die Welt zu verändern.

  2. Milo Tesselaar
    Am 25. Juni 2009 um 14:48 Uhr

    find ich gut deinen/euren text, hatte auch schon das gefühl während der konferenz, als das es dir nicht voll gefällt. für mich kommt doch etwas trauer und auch zynismus rüber in dem text. ich denke, menschen musik-unterrich zu geben is a very big global mission. ich denke, konsum hin oder her ist kein kriterium für sich. schade das wir nicht miteinander gesprochen haben, viele menschen, viele gespräche. wir sehen uns anfang juli, falls du da bist, weil da bin dann ich in berlin.
    by the way: deine berlin spots die du fürs biorama hoffentlich gerade vorbereitest, müssen nichts mit konsum zu tun haben! so long …

  3. Raul
    Am 25. Juni 2009 um 14:55 Uhr

    Das ist ein großartiger Text!

    Stellt eigentlich auch irgendwann jemand mal die Frage, ob es überhaupt genug “Bio” für alle geben kann? Müssen wir in Wahrheit nicht auch irgendwann, wenn wir es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, auch den Verzicht üben?
    Ich meine damit natürlich auch mich. Wieviel Technik, Mode, Style braucht der Mensch in unserer Gesellschaft, damit er sich wohlfühlt?

    Ich erinnere mich da immer an einen Weihnachtsabend. Ich war 10 und wollte unbedingt einen GameBoy haben. Ich habe mich so gefreut darauf. Irgendwas sagte mir, dass ich ihn kriegen werde. Am Ende, als ich ihn dann besaß, lag er nach 2 Wochen (!) in der Ecke. Nicht weil er doof war, nicht weil ich mich langweilte, sondern einfach weil ich genug davon hatte. Genug Konsum. Ich war enttäuscht, enttäuscht von mir. Die Vorfreude war größer als der spätere Besitz.

    Was hat uns so verdorben?

  4. Andrea Nienhaus
    Am 25. Juni 2009 um 15:32 Uhr

    @Milo: ich hab’ den Anfang nochmal erweitert ;-) . Nee, traurig bin ich keinesfalls, zynisch finde ich das auch nicht. Ich bin ein neugieriger Mensch, deswegen war ich auch wieder dabei.

    Mir fällt nur auf – je mehr Ansätze des “Welt veränderns” ich sehe oder an denen ich selbst mitarbeite – dass der strategische Konsum das Feld ist, worum aber auch die heißeste Luft gemacht wird. Was ist mit der ganzen Bildungs- und Sozialarbeit? Umweltarbeit? Politische Arbeit? Das muss mindestens so cool werden wie Shoppen gehen, finde ich.

    Und klar: Nachhaltiger Lebensstil ist super wichtig, ich lebe das ja auch selbst sehr gern und so gut es geht. Aber es ist eben nicht alles. Wenn man Menschen dazu bewegen will, etwas zu tun, dann kann man ihnen mehrere Möglichkeiten anbieten. Ich werde nur etwas verägert, wenn ich sehe, wie das Thema “Nachhaltigkeit” auf der Konferenz/Camp zum Teil verstanden wurde. Es waren wirklich auch sehr spannende Menschen dort, es gab auch das ein oder andere inspirierende Gespräch, keine Frage.

    Und ja: wir machen alle weiter, und beackern verschiedene Ecken ein und desselben Feldes. Das ist super wichtig und wir kommen damit ja auch gut voran, wenn ich mal so zurückblicke und sehe, was sich in den letzten drei Jahren so getan hat!

    So, hoffe, das macht es nun verständlicher ;-) …

  5. Marcel
    Am 26. Juni 2009 um 10:47 Uhr

    Ick finde euren Bericht und Überlegungen super! Genau das stört mich auch schon seit geraumer Zeit … beim Konsum bleibts in diesen Kontexten im Kopf stehen, alles weitere Gerede darüber hinaus ist oft nur blabla oder larifari. Da ist dann Nachhaltigkeit wirtschaftlich gesehen auch nichts anderes als gelungener Motorsport, hauptsache laut und schnell.

    Jedoch gehört die Seite auch dazu, wie du schon schreibst. Wenn beim Konsum nicht angesetzt wird, gehts noch schleppender voran … jeder muss sein Gebiet finden … für den Einen ist es Shopping, für den anderen kritische BewusstseinBILDUNG und der nächste VERZ!CHTet.

    Hast du was im Hinterkopf bezüglich Musik? Das könnte spannend sein :)
    Übrigens ist nächste Woche das Rheinkulturfestival in Bonn, ein großes Festival mit dem “Sound-for-Nature”-Siegel. Ich werd es mir mal anschauen …

  6. alex
    Am 29. Juni 2009 um 20:17 Uhr

    Netter Text, gefällt mir! Lg

  7. Kirsten
    Am 16. Juli 2009 um 15:16 Uhr

    Ich mag Texte, die nicht überall stehen und wo mal ein neuer Gedanke entfaltet wird – so wie bei euch. War nicht dabei, aber weiß genau, was ihr meint. Sage nicht mehr LOHAS und “sexy” Produkte auch nicht, aber ich will mit meinem Veränderungswillen auch nicht warten, bis irgendein Umweltminister neben mir steht und sagt: So, jetzt habe ich jetzt mal die Weichen gestellt. Jetzt dreh mal die Energiesparlampe rein, Kirsten. Danke, Sigmar, aber ich habe schon losgelegt, antworte ich dann. Traue dem strategischen Konsum eben doch etwas zu.

  8. Andrea
    Am 16. Juli 2009 um 15:53 Uhr

    @kirsten: Dito! Bis Sigmar & Co. aus den Pötten kommen, habe ich vielleicht schon graue Haare. “Selber machen” und anderen zeigen, wie das geht, das ist ein Weg. Also: Sähen und dann von oben schön Wässern. Dann wird’s auch was mit dem Garten! ;-) . Und das ganze schön Dokumentieren, dass auch “die Medien” Futter haben.

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