Hartz IV: 194,44 € für 24 Tage = 8,10 € pro Tag
Raul und ich starten heute einen Selbstversuch. 24 Tage auf Hartz 4 (ALG II). Bei einem Regelsatz von 359 Euro (ab 1.7. gab es eine Erhöhung von 351 auf 359) und bei Weiterführung unseres jetzigen Lebensstandards was Strom (20 Euro), Telefon und Internet (30 Euro) und BVG-Ticket (Sozialticket für 33,50) angeht, bleiben uns noch 194,44 für 24 Tage. (Das sind 277,94 (Regelsatz auf 24 Tage runtergerechnet) – 30 Euro – 20 Euro -33,50 Euro). Dass unsere Mieten so übernommen würden, wie sie sind, setzen wir einfach mal voraus.
Das bedeutet 8,10 pro Tag. Wir wollen damit nicht mit erhobenem Zeigefinger auf Missstände deuten, oder eine politische Botschaft senden. Es geht uns hauptsächlich um die eigenen Erfahrungen.
Tag 1
Raul:
Das Experiment beginnt. Will heuteabend Cocktailtrinken gehen. Darf also vorher nix ausgeben.
Schmiere mir ein Brot für die Mittagspause. Meine Kollegen lachen mich aus.
Meine Mitbewohnerin Andrea sagt: “Lange hälst du das Brot schmieren jeden Tag nicht durch.” Sie weiss, wovon sie spricht.
Habe auf dem Weg zur Arbeit 10 Cent verloren. Ärgerlich.
Es ist 12. Ich sitze im Büro und habe Hunger. Esse ich jetzt meine Stulle? Habe mir wohl zu wenig mitgenommen.
16 Uhr: Ich würde mir gernen einen Zitronentee kaufen. Trinke Leitungswasser.Cocktailtime: Trinke einen Baileys. Zum Glück wurde ich eingeladen.
Bilanz heute: 0 € ausgegeben.
Lisa:
194,44 € für 24 Tage.
Der erste Tag auf Hartz 4-Satz. Wache auf mit dem Gedanken, mir zum Frühstück irgendwo ‘nen Kaffee zu holen, aber trinke dann doch lieber den schwarzen Tee, den ich noch zu Hause habe. Schmeckt gut. Habe zum Glück letzte Woche kurz nach meinem Urlaub noch mal meinen Kühlschrank vollgekauft. Das wird noch n paar Tage für Frühstück reichen. Heute Abend gehe ich mit meiner Mama essen, da zahlt meistens sie. Wie es aussieht wird das ein günstiger erster Projekttag.
Wir berichten einmal die Woche.
Tags: Hartz IV

Am 24. August 2009 um 12:17 Uhr
kennt ihr das Buch “Viel Berlin für wenig Geld”?
http://www.edition-gauglitz.de/VielB.htm
Das leih’ ich euch gern!! Tolle Idee. Aber: Freiluftkino ist dann nicht drin, oder?
Am 24. August 2009 um 12:52 Uhr
Wenn wir sparsam sind, vielleicht schon…
Am 24. August 2009 um 13:15 Uhr
Bleibt das Iphone bzw. handy dann auch daheim, oder wie kommt Ihr auf 30€ für Telefon und Internet?
Ansonsten müsste man strenggenommen ja auch noch eine Pauschale für längerfristige bzw. unregelmäßige Güter wie Kleidung, Versicherungen, Bahnkarten, Computer(-zubehör)… hinzuziehen, insofern seit Ihr mit 8,1€ am Tag auf jeden Fall schon am oberen Ende von dem was man mit Hartz4 am Tag zur Verfügung hat.
Abgesehen davon glaube ich die eigentliche Herausforderung ist es sich in einer tendenziell beschissen Lebenssituation (man beantragt Hartz4 ja nicht weil man sonst nichts zutun hat) bei den Ämtern erstmal den Antrag durchzubringen.
So oder so, ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen…
Am 24. August 2009 um 13:47 Uhr
Ich teile mir das Internet mit meinen Nachbarn und mein Handy ist Festnetz und Handy zusammen, das haut hin mit den 30 Euro. Mit dem Iphone von Raul müssen wir n Auge zudrücken. Und ja, wahrscheinlich ist unsere Rechnung tatsächlich zu unseren Gunsten. Wir haben ja auch kein Porto für Bewerbungen mit eingerechnet zum Beispiel. Das kriegt man ja nicht mehr komplett erstattet. Wobei es ja noch Klamottenzuschüsse etc. gibt für Langfristiges. Man müsste so ein Projekt eigentlich mindestens ein halbes Jahr durchziehen. Allein schon, weil ich Spüli, Klopapier und Waschmittel zum Beispiel noch zu Hause habe…
Am 24. August 2009 um 14:07 Uhr
Finds erstmal super, dass ihr so ein Projekt macht! Trotzdem im folgenden eine etwas ausführlichere Kritik von jemandem, der selbst schonmal vorübergehend unter Hartz4 gelebt und dabei Hartz4-Empfänger_innen mit einem deutlich weniger priveligierten Hintergrund kennengelernt hat.
Aus folgenden Gründen denke ich, dass ihr in den 24 Tagen nichtmal graduell einen Einblick in die Hartz4-Realität bekommt:
1. Ihr habt wahrscheinlich beide eine solide Grundausstattung von für euch nicht verzichtbaren Gütern (Notebook, Möbel, Waschmaschine, Herd, Handy etc.), die in der Zeit, die ihr das ausprobiert wohl nicht kaputt gehen werden. Auch wenn Hartz4 nur für 6 Monate bezogen wird und danach wieder ein höheres Einkommen, spiegelt das die eigentliche Problematik kaum wieder. Erst wenn größere Neuanschaffung bei grundlegenden Gütern anstehen, wirds richtig prekär. Ihr verbraucht ja einfach das Geld mit, das für solche Anschaffungen vorgesehen ist. Viele Hartz4 kaufen alle Güter billig, weil sie zu keinem Zeitpunkt das Geld für langlebigere Güter haben. Die müssen dann dafür ständig ersetzt werden und langfristig teurer.
2. Als akademisch gebildelte Menschen und Öko-Konsument_innen wisst ihr viel besser darüber bescheid, wie mensch auch mit wenig Geld über 2nd Hand Märkte günstig an Dinge dran kommt und wo es Kultur für wenig Geld gibt. Hochkultur ist nämlich schon für deutlich weniger zu haben als der noch weiter durchkommerzialisierte Mainstream (Blockbusterkino, Freizeitpark).
3. In eueren Bekanntenkreise fallt ihr mit weniger aktueller Kleidung und Handy-etc- Ausstattung auch nicht unangenehm auf. Ihr unterliegt keinen so starken Konsumgruppenzwängen. Vielleicht gult aus ökologischen Gründen Konsumvermeidung und 2ndHand sogar als engagert. Spielt natürlich über die kurze Zeit keine wirkliche Rolle.
4. Ihr macht das Ganze in Berlin, dem Ort in der BRD mit dem mit Abstand größten Angebot an Imbissen, Rstaurants, Kneipen, Lebensmittelmärkten, Theater, Kunstausstellung etc. für kleines oder gar kein Geld (VoKü, Umsonstladen, freie Kunstprojekte). Ich glaube nicht, dass ich es in Berlin überhaupt schaffen würde, das euch zur verfügung stehende Geld auszugeben, wenn ich nicht gezielt deutlich mehr konsumiere als sonst.
5. Ihr habt keine Kinder und auch sonst niemanden, den ihr mitversorgen müsst (soweit ich das weiß).
Das finanzielle Problem bei Hartz4 lässt sich nur über einen deutlich längeren Zeitraum und ohne priveligierte Güterausstattung erfahren. Die eigentlich noch skandalösere Seite des Ganzen, die Repressionen und Demütigungen seitens des Arbeitsamtes und der Druck, sich bundesweit auf jede noch so schlecht bezahlte und gesundheitsbelastende Stelle zu bewerben, trägt zudem wesentlich zum Lebensgefühl unter Hartz4 bei. Ein psychologisch leidvolle Erfahrung, die in einer Konsumgesellschaft i.d.R. versucht würde, durch Konsum zu kompensieren, aber das ist mit so wenig Geld dann auch nicht möglich.
Und warum wollt ihr eigentlich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf Missstände hindeuten und eine politsche Botschaft senden? Die Solidarität mit Hartz4-Betroffenen ist zumindest außerhalb von Berlin mehr als dürftig und es wäre doch wohl sozialheldenhaft, dieses Projekt dann auch zugunsten der Betroffenen zu nutzen, oder nicht?
Am 24. August 2009 um 14:23 Uhr
Hallo Lars, danke für Deine lange Kritik, die ich für sehr berechtigt halte. Genau aus dem Grund möchte (zumindest ich) nicht mit erhobenem Finger oder politischer Nachricht an das Projekt rangehen, weil mir bewusst ist, dass die Erfahrungen, die ich in dem Rahmen mache, von meinem “privilegierten” Hintergrund geprägt sind und überhaupt nicht, oder nur in geringem Maße mit echten Hartz4 Konditonen zu vergleichen sind. Trotzdem möchte ich nicht darauf verzichten, die Erfahrungen auf unserem Blog mit anderen zu teilen. Einfach weil diese Diskussion darüber ja bereits zum Nachdenken und Debattieren anregt. Für mich ist es auch ein Anlass, über meinen eigenen Wohlstand nachzudenken und eben genau diese Dinge wie günstige Kunstangebote, Imbisse und auch die eigene Grundausstattung und Freundeskreis etc anders wahrzunehmen. Vielleicht entsteht daraus ja dann doch noch was Größeres.
Am 24. August 2009 um 17:38 Uhr
Dass ihr mit eurer Aktion was anstoßt, zeigt sich ja schon daran, des es nach langer Ruhe auf dem Blog gleich Kommentare gibt. Das ist ja schonmal super!
Eine Anmerkung noch: Bekleidungs- und sonstige Zuschüsse gibt es nur in absoluten Ausnahmefällen. Das ist alles schon mit drin:
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/w/index.php?title=Datei:Regelsatz.jpg&filetimestamp=20060625091756
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Regelsatzverordnung
Am 25. August 2009 um 12:14 Uhr
echt super aktion…bin auf eure ganzen erfahrungen gespannt…hab am letzten we soviel geld ausgegeben (für meine verhältnisse), dass es sich für mich auch lohnen würde mal zu versuchen so wenig wie möglich auszugeben…das mit der kritik find ich auch sehr gut…aber so richtig in etwas hineinversetzen kann man sich eh nur ganz schwer…finde schon alleine den versuch lobenswert
Am 26. August 2009 um 00:35 Uhr
Hi Ihr Tester,
Lars’ Kritik muß ich mich anschließen. Hier in Düsseldorf sind z.B. schon die Grundkosten ganz andere:
- Ein Sozialticket gibt es nicht. Hier fährt man, wenn man nicht täglich fährt, mit Einzelfahrscheinen bzw. solchen im 4er-Satz noch am günstigsten, ansonsten geht’s nicht unter 35,85 € im Monat — und das für einen Bereich, der bei Euch maximal mit Stufe A vergleichbar ist. Für A/B käme ich hier nicht unter 54,03 E€ weg, und das ist angebots- und flächenmäßig weniger als Euer A/B. Und das jeweils im Abo und erst ab 9 Uhr! (siehe Tarife auf vrr.de)
- Für Strom liege ich derzeit bei 42 € im Monat (Naturstrom AG, aber die Stadtwerke Düsseldorf stufen mich auch nicht niedriger ein), Telekommunikation schlägt bei der Telekom mit knapp 44 € zu Buche (ISDN-Anschluß, DSL6000 flat; der Kabelanbieter hier war leider zu doof, einen zusätzlichen Verstärker für mich zu setzen, dann hätte ich es günstiger gehabt).
- Dazu kommt noch dank schlecht gedämmter Wohnung, daß ich wegen der Heizung im Gasverbrauch seit zwei, drei Jahren höher liege als die Pauschale, die ich ausbezahlt bekomme, hier also auch nochmal einen Anteil von ca. 25 € drauflegen muß. Pro Monat, versteht sich, nicht pro Jahr.
- Als Rücklagen fordert das hiesige Repressions-, äh, Sozialamt 50 € im Monat. Das heißt, die soll ich theoretisch ansparen, um Reparaturen, Möbel, Kleidung, Brille und überhaupt alles zu bezahlen, was so passieren kann. Ich weiß ja nicht, wie das bei Hartzern ist (ich unterliege als Erwerbsminderungsrenterin SGB XII, nicht SGB II), aber zusätzliche Hilfen sind hier nicht drin. Nichts, nothing, niente. Sie wollten mir nicht einmal rund 120 € für eine neue Brille bezahlen, und das Sozialgericht fand das völlig in Ordnung.
Selbst wenn ich die 50 € im Monat sparen könnte, wie auch immer das gehen soll: Wenn hier zwei größere Teile auf einmal kaputt gehen sollten, bin ich ge*rscht.
Tatsächlich liegt der Betrag, den ich monatlich in Lebensmittel stecken kann, bei maximal 120 €. Mit 194 € ginge es mir schon fast richtig gut.
Was neben dem “fehlenden” ARGE- oder Sozialamts-Terror noch dazukommt, ist die psychologische Wirkung der Hoffnungslosigkeit einer solchen Situation. Bei mir heißt das: Lebenslänglich, ohne Bewährung.
Gruß, Frosch
Am 27. August 2009 um 09:30 Uhr
[...] dazu unter http://alles-was-gerecht-ist.de/2009/08/24/19444-fur-24-tage/ Categories: Zukunft 27 August 2009 at 10:29 – [...]
Am 1. September 2009 um 00:44 Uhr
[...] Experiment regt zum Nachdenken an. Wir freuen uns über die vielen Rückmeldungen und auch kritischen Kommentare, die wir hier erhalten. Noch nie haben wir so viel über Hartz IV nachgedacht wie jetzt. Allein das [...]
Am 7. September 2009 um 11:52 Uhr
Hallo, ich finde es gut, dass ihr das Experiment macht und hier darüber berichtet. Das ihr noch so viele Vorräte habt, auf die ihr zurückgreifen könnte, wird euch am Anfang sicherlich weniger Geld verbrauchen lassen.
Ich selbst hatte jahrelang Hartz IV, auch in Berlin, und wäre mit dem Geld nicht ausgekommen, wenn ich nicht immer wieder meine Sachen wie Bücher und CDs verkauft hätte, die ich noch hatte, oder hin und wieder einen Job gemacht hätte. Für eine Weile mit wenig Geld auskommen zu müssen ist sehr lehrreich und tut gut. Doch auf Dauer gesehen ist der Hartz IV Satz viel zu niedrig. Schön wäre es, wenn das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt werden würde. Am schlimmsten an Hartz IV emfand ich jedoch die Art wie ich verwaltet wurde, die Unfreiheit zu verreisen, wann ich will, und ein Gefühl wie ein Leibeigener gehalten zu werden. Deshalb versuche ich mich gerade so durchzuschlagen, was nicht einfach ist, doch ein freieres Gefühl und gut für das Selbstwertgefühl.
Am 19. September 2009 um 01:25 Uhr
[...] Sebastian in seinem Kommentar bereits anmerkte, müsste man strenggenommen ja auch noch eine Pauschale für längerfristige bzw. [...]