Es wird weiter geHARTZelt
Das Experiment regt zum Nachdenken an. Wir freuen uns über die vielen Rückmeldungen und auch kritischen Kommentare, die wir hier erhalten. Noch nie haben wir so viel über Hartz IV nachgedacht wie jetzt. Allein das bringt schon was. Wir müssen aber auch sagen, dass wir sehr viel gerade von unseren Vorräten leben und das nicht schlecht. Da sieht man mal wie gut man zu Hause vorgesorgt hat und wie lange man davon eigentlich leben kann und wie privilegiert das eben auch schon ist. Insgesamt tut es uns super gut, einfach nicht die Wahl zu haben zu konsumieren.
Uns wird immer klarer, dass das Experiment nicht ausreicht um das wirkliche Problem, von einem Hartz IV-Satz zu leben, zu begreifen. Für uns ist der Verzicht momentan noch Luxus. Für viele ist es eine Not.
Für uns ist es zeitlich begrenzt und größere Anschaffungen zeitlich verschiebbar, für Millionen von Menschen Dauerzustand:
Hier unser Hartz IV Tagebuch der vergangenen Woche:
Tag 2 – Dienstag
Raul:
Habe gestern kein Geld ausgegeben. Versuche es heute wieder.
Frühstücke jetzt zuhause und gehe danach in die Bibliothek.
In der Bibliothek habe ich plötzlich Durst bekommen. Es gab kein rollstuhlgerechtes Waschbecken. Habe mir für 50 Cent einen Saft gekauft.Zuhause liegt ein Brief vom Finanzamt im Briefkasten. Ich bekomme Steuern zurückgezahlt. Nicht wenig. Fühlt sich merkwürdig an. Bin doch mitten im Experiment. Da kann ich mich gerade nicht wirklich drüber freuen.
Das Experiment fühlt sich sehr beklemmend an, wenn man weiss, dass man in Wirklichkeit viel mehr Geld hat und es eigentlich nur der Hauch eines Hartz IV-Lebens ist. Ich ziehe es trotzdem durch. Ich hätte nicht gedacht, das Geld in meinem Leben eine so zentrale Rolle spielt.
Lisa:
Der erste Tag lief also schonmal gut. Wache auf und schmiere mir erstmal Aufbackbrötchen für den Arbeitstag an der Uni. Die Golmer Mensa kann zwar auch günstig sein, aber macht so früh zu in den Ferien und danach kann man nur noch teuer am Potsdamer Hauptbahnhof Essen kriegen. Also entscheide ich mich für die Brötchen. Will heute Abend in’n Biergarten, muss also was übrig bleiben für später.
Jetzt habe ich doch mein komplettes Tagesbudget ausgegeben. Hatte zwar den Tag über Brote bei, aber hatte dann Abends im Biergarten groooßen Hunger und habe mir ne Pizza geteilt und Apfelschorle getrunken. 8 Euro weg. So schnell kann’s gehen. Oh je.
Tag 3 – Mittwoch
Raul:
Habe heute wieder 10 Cent verloren. Doofe Tasche. Die Mittagspausenstulle habe ich vergessen zu essen. Wurde stattdessen auf ein Eis eingeladen. Wieder gespart.
Am Abend ruft Lisa an “Hast du was zu Essen zu Hause, oder soll ich etwas mitbringen?”. Normalerweise würden wir uns etwas holen. Die Frage hätte sie sonst nie gestellt.
Meine Mittagsstulle gabs dann am Abend. Jetzt um 23.30 habe ich wieder Hunger. Was esse ich nun? Stulle?
Lisa:
Schreibe meine Bewerbung fürs Referendariat; muss das gleich noch zur Post bringen, am besten per Einschreiben, damit es auch wirklich ankommt. Das Porto innerhalb von Berlin wird auf Hartz IV nicht mehr übernommen. Soll ich doch einfach persönlich hinfahren und die Bewerbung im Hausbriefkasten einwerfen? Bin zu faul. Fahre zur Post und gebe ein Viertel meines Tagesbudget für die Briefmarken aus. Schicke auch ein kleines Geschenk an eine Freundin in Köln ab. Also schon die Hälfte des Tagesbudgets. Grmpf. Zum Glück habe ich schon gut Mittaggegessen mit Restbeständen von zu Hause. Da reicht Abends noch ne Stulle.
Tag 4 – Donnerstag
Raul:
Ok. Heute hat mich Brotessen wirklich wieder genervt. Habe 65 Cent in eine Wiener Wurst investiert. Anschließend eine Bekannte zum “Tafelwassertrinken” eingeladen (insgesamt 1,20 €) und am Abend meiner Mutter ein Bier ausgegeben (1,80 €) Zum Abendessen gabs Nudeln. Zuhause selbstgekocht.
Obwohl ich mich für einen recht sparsamen Menschen halte, merke ich, wie präsent das Thema Geldausgeben doch in meinem Leben ist. Es sind die Kleinigkeiten für die das Geld draufgeht: Schokolade (Heute 2 Euro), Getränke, Unterhaltung mal eben so zwischendruch.
Langsam gewöhne ich mich an die andere Lebensweise. Ich habe das Gefühl, dass ich bewusster Lebe und konsumiere. Auf einmal bekommen andere Dinge mehr Bedeutung. Wo ich mich früher “glücklich gekauft” habe, suche ich mir den Spaß woanders: Draußen, mit Freunden. Zum Glück ist Sommer. Mir wird immer klarer, dass es aber auch kein Dauerzustand sein darf. Der Reiz für mich liegt noch in der neuen Lebensweise. Ich betrachte das “Sparen” als Sport. Aber auch dem besten Sportler geht irgendwann mal die Puste aus. Mal sehen, wann ich erschöpft bin…
Lisa:
Heute nur von Brot gelebt bisher. War eben beim 1-Euro-Shop. Will mir Jonglierbälle basteln und habe Luftballons gekauft, Sand vom Spielplatz stiebitzt und nehme noch ne alte Strumpfhose, um den Sand zu sichern. Gleich mache ich mir Spaghetti zum Mittag.
War eben mit ner Freundin Eis essen. Sie hat mich eingeladen. Danach habe ich sie zu ner halben Biolimo eingeladen. Die haben wir uns geteilt. Geht also sogar das – jemanden mal einladen. Bisher macht mir das sparsam leben Spaß. Es nimmt mir die Qual der Wahl. Draußen essen geht eben nicht, also muss ich kochen, ob ich will oder nicht. Sonst entscheide ich mich viel zu oft für nen schnellen Imbiss und plane gar nicht vor was meine Mahlzeiten angeht. Dabei kann das zu Hause essen auch richtig nett sein.
Tag 5 – Freitag
Raul:
Heute habe ich mir etwas gegönnt: 3 Brötchen (60 Cent) Einen kakao mit sahne für 3 Euro.
Anschließend habe ich mit Lisa Sushi gegessen (5,50) und am Abend mich an einem Abschiedsgeschenk (2 Euro) für einen Kollegen beteiligt. Die Mitarbeiter-Feier im Betrieb war sehr angenehm. Es gab all you can drink. Sehr gut. Denn die Ausgaben lagen für Heute über den mir zur Verfügung stehenden 8,10 €.
Lisa:
Das war ein Luxustag. Habe mir Mittags mit Raul Sushi und ne Cola dazu gegönnt und später auf der Fritz Party umsonst Getränke abgegrast. Danke Raul fürs Mitnehmen
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Tag 6 – Samstag
Raul:
Es war ein guter Tag. Habe den ganzen Tag nichts ausgegeben. Am Abend waren Lisa und ich auf einer Geburtstagsfeier eingeladen. Wieder ein Abendessen gespart. Ich frage mich, wie oft man noch von seinen Freunden eingeladen und ausgehalten wird. Mir wird klar, dass das nicht ewig so geht.
Lisa:
Guten Morgen, kann die Aufbackbrötchen nicht mehr sehen. Zum Glück sind die jetzt alle. Muss bald wieder einkaufen. Aber erstmal: Sozialheldengipfel.
Der Tag war günstig. Nix ausgegeben, sondern durchgefuttert auf diversen Veranstaltungen.
Tag 7 – Sonntag
Raul:
Habe mit einem Freund gefrühstückt. 4 Euro. Den Rest gabs zuhause. Meine Mitbewohner waren gestern einkaufen. Eine Abrechnung steht noch aus. Das wird bestimmt 40 € auf einen Schlag kosten. Das Geld muss ich mir schonmal zur Seite legen.
Lisa:
Habe den ganzen Tag zu Hause verbracht und auch hier gekocht. Abends wurde ich von Freunden zum Eis eingeladen. Den Yogi-Tee mit Ballonbrot danach habe ich selbst gezahlt. Mir macht das Sparen Spaß. Und das eingeladen werden auch. Auf Dauer machen das aber die Freunde sicher nicht mit.
Tag 8 – Montag
Raul:
Habe mich wieder nur von Brot ernährt. Das gab es umonst bei einer Agentur, die ich beruflich besucht habe. Morgen esse ich mal was anderes. Am Abend dann habe ich aber zugeschlagen: 1 Bratwurst mit Nudelsalat für 5 Euro.
Lisa:
Morgens Brötchen geschmiert und die auf den Tag verteilt verspeist. Abends mein angespartes Geld für Gesangsunterricht ausgegeben. Auf den Luxus möchte ich nicht verzichten und bin froh, dass ich es mir diese Woche leisten kann. Aber das auch nur, weil ich zu Anfang geschummelt hatte und mein Küli voll war bei Projektstart. Sonst wärs eng. Mal sehen, ob ich in zwei Wochen mir das immer noch leisten kann.
Tags: Hartz IV

Am 1. September 2009 um 09:50 Uhr
Hallo Ihr Zwei
Eins fällt mir auf: Essen + Trinken + Wohnen (und die Beschaffung) scheint ein zentrales Thema den ganzen Tag zu sein. Es mutet mir an, als ob das Leben sehr auf ein “überleben” ausgerichtet ist – glaubt Ihr, dass es nach einer Zeit alles übernimmt und man nur damit in der tristen Gegenwart verhaftet bleibt – oder haben Themen wie positives Zukunftsplanen, Weiterbildung, Kreatvität (halt “wie kann ich mich aus “Hartzeln” befreien”) noch Chancen ein Thema zu sein?
Am 1. September 2009 um 12:42 Uhr
Hi Jochen. Du hast Recht. Es dreht sich vieles um’s “überleben”. Da wir aber ja nebenbei noch offiziell arbeiten entwickeln wir uns in der hinsicht natürlich auch irgendwie weiter.
Was mir nur auffällt ist, dass jegliche Zukunftsplanung meist daran scheitert, dass sie Geld kostet. Bücher, Fortbildungen, Reisen usw. All das ist echt schwer, wenn man von 8,10 € am Tag leben soll. Ich finde es erschreckend, wie schnell man sich ausgrenzt, wenn man so wenig Geld hat. “Mal eben ein Projekt starten” ist da echt nur schwer drin.
Am 1. September 2009 um 17:09 Uhr
Was ich mich Frage, Was macht ihrt eigentlich aufs Brot wenn ihr ständig vom Brot essen redet? oder esst ihr immer trocken mit nem schluck wasser? Kauft ihr auch manchmal Gemüse oder hört eurte KochKreativität bei Nudeln auf? Sind die dann wenigstens mit Tomatensoße? Warum kauft ihr euch überteuerte Kakaos mit Sahne für 3€? Warum esst ihr ekelige Tierleichen? (ok das weiß ich, ist billig)
Also ich behaupte hier mal man kann für 4€ was leckeres kochen, was aus Biozutaten besteht vielfältig ist und man hat mindestens 2 große Portionen! (Würde also für 2 warme Mahlzeiten am Tag locker reichen)
Am 23. November 2010 um 18:38 Uhr
Hurra, es wird GeHartzelt. Mal 4 Wochen wie ein echter Arbeitsloser leben,
das wird sicher spaßig. Und was spielen wir morgen? Einen Monat mal wie ein echter Knacki im Gefängnis leben? Allerdings nur 6 Stunden am Tag, man hat ja noch anderes zu tun. Ich bin enttäuscht. Als betroffener und Verwandter einer der Testpersonen, zweifle ich doch sehr an dem Sinn dieser Aktion und wär doch gerne mal gefragt worden. Nicht über den Test, sondern darüber, wie es sich real Hartzelt in der Familie von nichtbetroffenen. Lukas