Die Grenzen der Freiheit – Erinnerung an eine bemerkenswerte Journalistin

1999 muss es gewesen sein, da wünschte ich mit von meiner Großmutter zum Geburtstag das Buch “Zivilisiert den Kapitalismus” (hier ein Auzug einer gleichnamigen Rede). Ich las es sofort und war begeistert. Die Autorin, Marion Gräfin Dönhoff, würde heute ihren 100. Geburtstag feiern. Ihre Haltung scheint aktueller denn je.
Zwölf Thesen gegen die Maßlosigkeit (Auszug)
These 3: [...] Wenn jeder sich nur auf seine Leistung konzentriert und auf seinen Lustgewinn und die Verantwortung für das Gemeinwohl dem Staat überlässt, dann geht die Gemeinschaft vor die Hunde.
These 4: Die Überbetonung von Leistung, Geldverdienen und Karriere – die das Wortschafliche in den Mittelpunkt des Lebens stellt – führt dazu, dass alles Geistige, Humane, Künstlerische an den Rand gedrängt wird. [...]
These 7: [...] Vor allem im Bereich der Wirtschaft herrscht bedenkenlose Maßlosigkeit. Immer wieder heißt es, Wachstum sei notwendig als Antwort auf Armut und Unterentwicklung. Nicht bedacht wird, dass Wachstum unter Umständen ärmer macht, weil die ökologischen Kosten den Nutzen aus dem Wachstum übersteigen. [...]
These 12: [...] Resümee dieser Betrachtungen: Alles hängt von den Menschen ab – von jedem einzelnen von uns.
(in: Zivilisiert den Kapitalismus, 1995)
Zahlreiche Bücher von ihr und über sie sind erschienen. Die Zeitung “Die Zeit”, dessen Herausgeberin sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 war, widmet ihr in der aktuellen Ausgabe eine eigene Sonderbeilage, die auch online komplett zu Verfügung steht. Sehr lesenswert.
Und heute? Wenn ein Nikolaus Brender, derzeit noch Chefredakteur des ZDF und bekannt für seinen unabhängigen Journalismus, gehen muss, wie gerade geschehen, da er von einem CDU- und dessen Anhängern dominierten Verwaltungsrat, darunter auch Hessens Landeschef Roland Koch, nicht wiedergewählt wird, sagt das viel über unsere Zeit und politischen Machtstrukturen aus. Auch eine online-Petition, bei der ca. 39.000 Stimmen für Brender gesammelt wurden, konnte da nichts mehr reißen. Bedenklich, dass es, vor allem in der Politk, immer weniger kluge, charismatische Dickköpfe mit Weitblick und gesundem Menschenverstand zu geben scheint! Aber das ist ja auch nix Neues.
Es gebe nicht nur eine “Illusionspolitik” in der Politik sondern auch in der Gesellschaft, formulierte taz-Chefreporter Peter Unfried treffend zum Abschluss der Utopia-Konferenz am vergangenen Donnerstag. Damit verwies er auf die Forderung Harald Welzers: “Die Bürgergesellschaft muss ihr politisches Mandat wahrnehmen. (…) Wir müssen auf nichts warten!” Frau Dönhoff würde das sicherlich ähnlich sehen.
Foto: dpa