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Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und deren Nachhaltigkeit. Interessante Ideen & Projekte

Archiv der Kategorie ‘Hartz IV-Experiment‘

Hartz IV-Experiment Fazit: Überleben? ja. Leben? Nein!

Samstag, den 19. September 2009

So, nun ist der Monat unseres Hartz IV-Experimentes um. Eine interessante Erfahrung. Aber wir haben auch gelernt, dass ein Monat nicht ausreicht um das Gefühl eines “echten” Hartz IV-Lebens nachzuempfinden.

Das Projekt hatte von Anfang an nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil. Im Laufe des Projektes ist uns klar geworden, dass es vermessen ist so zu tun als ob. Wir leben in der billigsten Stadt Deutschlands. Wir haben keine Kinder und sind mit vorhandenen Küchengeräten, Waschmitteln, funktionierenden Brillen und guter gesundheitlicher Verfassung sehr gut ausgestattet. Größere Anschaffungen wurden einfach für einen Monat ausgesetzt. Wir waren nicht auf dem “Amt” um dort um Unterstützung zu bitten. Wir hatten keinen Bewerbungsmarathon (Bewerbungen muss man fast komplett selber zahlen) und mussten gegenüber der Arbeitsagentur auch keine Nachweise erbringen. Da wir viel bei Freunden gegessen haben, ist es auch nicht möglich dauernd auf Kosten anderer Leute zu leben. Das machen die Freunde nicht mit.
Deswegen geben wir zu, dass das Experiment unrealistisch war. Wahrscheinlich müsste man das Projekt ein Jahr lang machen um an das echte Hartz IV-Gefühl heranzukommen.

Wie Sebastian in seinem Kommentar bereits anmerkte, müsste man strenggenommen ja auch noch eine Pauschale für längerfristige bzw. unregelmäßige Güter wie Kleidung, Versicherungen, Bahnkarten, Computer(-zubehör) hinzuziehen. Mit unseren 8,10 € am Tag waren wir auf jeden Fall schon am oberen Ende von dem was man mit Hartz IV am Tag zur Verfügung hat.
Abgesehen davon ist die eigentliche Herausforderung seinen Antrag, in einer tendenziell beschissen Lebenssituation, bei den Ämtern erstmal durchzubringen.

Nichts desto Trotz haben wir noch nie soviel über Hartz IV nachgedacht, wie in den letzten Wochen.
Was haben wir gelernt?

  • Wir sind schockiert, wie viel sich in unserem Alltag plötzlich um Geld dreht, wenn man bewusster damit umgeht. Wir hätten nicht erwartet, dass es eine so zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Das Teure sind die Kleinigkeiten im Leben (Schokolade, Zwischendurch-Snacks).
  • Das vorrausschauende und bewusste Planen des Essens und Einkaufens verlangte uns eine große Umstellung ab. Bio waren unsere Einkäufe wirklich selten. Für den Anfang tut es gut, mal weniger Auswahl im Supermarktregal zu haben. Man muss ja auch nicht alles haben. Das Experiment ist so lange ein Luxus/Sport, bis es zur Not wird. Brot ist kein dauerhafter Nahrungsersatz.
  • Freizeitaktivitäten haben wir so sparsam wie möglich gestaltet. Es geht. Für eine Weile.
  • Initiativen, wie Bücher, Kurse, Seminare, Fortbildungen und Reisen, um aus der Hartz IV-Falle herauszukommen, scheitern fast immer am Geld.
  • Man muss sich schlau machen, wenn man wenig Geld ausgeben will. Das erfordert Wissen, Zeit, Kreativität und Mut.
  • Geld für spätere Zeiten anzusparen, ist nicht drin. Es sei denn, man verkauft wertvolle Dinge, die man vorher schon besaß.
  • Die billigsten Zeitungen am Kiosk sind die BILD, der Berliner Kurier und die B.Z. Eine Taz ist im Budget nicht drin. Da wird einem einiges klarer, oder?

Auch sehr bewegt haben uns die Kommentare die geschrieben wurden und Gespräche, die wir aufgrund des Experimentes geführt haben:
Der echte psychische und finanzielle Leidensdruck sind für echte Hartz IV-Empfänger enorm. Das konnten wir nur bedingt simulieren.

Einer Freundin erzählte, dass die Mitarbeiter beim Arbeitsamt einem nichteinmal die Hand geben wollen, wenn man deren Büro betritt. Zitat der Beamtin: “Sie sehen ja, wer hier so rumläuft. Da gebe ich aus hygienischen Gründen lieber nicht die Hand”. Jemand anderes berichtete uns, dass die Hotline beim Arbeitsamt kostenpflichtig(!) ist und man mit Absicht nie seinen persönlichen Berater ans Telefon bekommt, sondern immer persönlich erscheinen muss.
Einige Studenten sagten uns, dass die Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen und Jobcentern sehr freundlich waren und einen wenig schikanieren. Leute, die jedoch eine Ausbildung oder gar nur einen Schulabschluss haben, berichteten hingegen dass sie stark unter Druck gesetzt werden. Gibt es da ein System? Wir haben erfahren, dass viele Ämter sehr streng mit Fristen gegenüber dem Antragssteller sind und sofort “Strafmaßnahmen” einleiten, wenn man diese nicht einhält. Die Ämter selber wiederum kommen aber ihren eigenen Pflichten nicht immer rechtzeitig nach. Wegen Personalmangel.

Erschrocken hat uns, dass wirklich viele Leute glauben, dass 8,10 € am Tag viel Geld ist und man damit locker über die Runden kommt. Argumente wie “Als Student hatte ich auch nicht mehr.” oder “Naja, notfalls geht man halt schwarz arbeiten.” haben wir oft gehört.

All diesen Leuten sagen wir: Das ist eine Milchmädchen-Rechnung. Versucht wirklich mal konsequent von diesem Tagessatz zu leben. Langfristig isoliert man sich von seinen Freunden, die gerne mal mit einem ins Kino, Theater oder auf eine Party gehen wollen. Aber auch von der Gesellschaft, die jedem von uns einen gewissen Gruppendruck aufzwingen. Von 8,10 € kann man überleben, aber nicht leben!

Hier unsere Bilanz. Wir hatten 194,44 € für 24 Tage bzw. 8,10 € am Tag zur Verfügung:
hartz4

Raul:
Ausgaben gesamt (24 Tage): 145,95 €
Ausgaben pro Tag: 6,08 €

Lisa:
Ausgaben gesamt (24 Tage): 192,45 €
Ausgaben pro Tag: 8,02 €

Fazit: Es fällt auf, dass bei uns beiden der größte Teil der Ausgaben auf “Essen und Trinken außer Haus” zurückzuführen ist. Das ist ebenfalls unrealistisch und sicher nicht dauerhaft möglich.

Daran lassen sich zwei Tatsachen ablesen:

  1. Wie schwer uns die Umstellung bei der Einkaufs- und Essensplanung fiel.
  2. Wie wichtig uns Abend-Aktivitäten mit Freunden sind, die man über einen längeren Hartz IV-Zeitraum sicher nicht aufrecht erhalten kann.

Weiteführende Links zum Thema:
Buchtipps:

  • Viel Berlin für wenig Geld – Tausend aktuelle Low-Budget-Adressen
  • Berlin für Arme: Ein Stadtführer für Lebenskünstler

Verwandter Artikel:

  • Würdevoll leben ohne Geld

So, nun ist der Monat unseres Hartz IV-Experimentes um. Eine interessante Erfahrung. Aber wir haben auch gelernt, dass ein Monat nicht ausreicht um das Gefühl eines \"echten\" Hartz IV-Lebens nachzuempfinden. Das Projekt hatte von Anfang an nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil. Im Laufe des Projektes ist uns klar geworden, dass es vermessen ist ...

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Neues vom Hartz IV-Experiment

Montag, den 7. September 2009

hartz

Wir haben uns inzwischen an das Tagesbudget von 8,10 € gewöhnt und es sogar bisher geschafft Luxusbeschäftigungen wie Yoga und Singen von dem Geld zu bezahlen. Allerdings erlaubt das Budget nicht über den Moment hinaus zu denken. Eine Mediations-Ausbildung, könnte Lisa nicht zahlen, die Reise nach Israel, die bei ihr nach Projektende ansteht, wäre nicht drin, die Überlegungen, für ein neues Fahrrad zu sparen, könnte sie bleiben lassen. Und das sind nur Peanuts im Vergleich zu kaputt gegangenen Brillen, Praxisgebühren oder anderen grundlegenderen Bedürfnissen. Reisen, Fortbildungen und größere Anschaffungen sind mit wenig Geld eben nicht verwirklichbarer Luxus. Für Lisa sind sie sonst gut geplanter und lang angesparter Luxus. Das ist ein großer Unterschied.

Unser Bericht über die zweite Hartz IV-Woche: (weiterlesen…)

Wir haben uns inzwischen an das Tagesbudget von 8,10 € gewöhnt und es sogar bisher geschafft Luxusbeschäftigungen wie Yoga und Singen von dem Geld zu bezahlen. Allerdings erlaubt das Budget nicht über den Moment hinaus zu denken. Eine Mediations-Ausbildung, könnte Lisa nicht zahlen, die Reise nach Israel, die bei ihr nach Projektende ansteht, wäre ...

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Es wird weiter geHARTZelt

Dienstag, den 1. September 2009

Das Experiment regt zum Nachdenken an. Wir freuen uns über die vielen Rückmeldungen und auch kritischen Kommentare, die wir hier erhalten. Noch nie haben wir so viel über Hartz IV nachgedacht wie jetzt. Allein das bringt schon was. Wir müssen aber auch sagen, dass wir sehr viel gerade von unseren Vorräten leben und das nicht schlecht. Da sieht man mal wie gut man zu Hause vorgesorgt hat und wie lange man davon eigentlich leben kann und wie privilegiert das eben auch schon ist. Insgesamt tut es uns super gut, einfach nicht die Wahl zu haben zu konsumieren.

Uns wird immer klarer, dass das Experiment nicht ausreicht um das wirkliche Problem, von einem Hartz IV-Satz zu leben, zu begreifen. Für uns ist der Verzicht momentan noch Luxus. Für viele ist es eine Not.
Für uns ist es zeitlich begrenzt und größere Anschaffungen zeitlich verschiebbar, für Millionen von Menschen Dauerzustand:

Hier unser Hartz IV Tagebuch der vergangenen Woche:

Tag 2 – Dienstag
Raul:

Habe gestern kein Geld ausgegeben. Versuche es heute wieder.
(weiterlesen…)

Das Experiment regt zum Nachdenken an. Wir freuen uns über die vielen Rückmeldungen und auch kritischen Kommentare, die wir hier erhalten. Noch nie haben wir so viel über Hartz IV nachgedacht wie jetzt. Allein das bringt schon was. Wir müssen aber auch sagen, dass wir sehr viel gerade von unseren Vorräten leben und das ...

Tags: Hartz IV
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Hartz IV: 194,44 € für 24 Tage = 8,10 € pro Tag

Montag, den 24. August 2009

FotoRaul und ich starten heute einen Selbstversuch. 24 Tage auf Hartz 4 (ALG II). Bei einem Regelsatz von 359 Euro (ab 1.7. gab es eine Erhöhung von 351 auf 359) und bei Weiterführung unseres jetzigen Lebensstandards was Strom (20 Euro), Telefon und Internet (30 Euro) und BVG-Ticket (Sozialticket für 33,50) angeht, bleiben uns noch 194,44 für 24 Tage. (Das sind 277,94 (Regelsatz auf 24 Tage runtergerechnet) – 30 Euro – 20 Euro -33,50 Euro). Dass unsere Mieten so übernommen würden, wie sie sind, setzen wir einfach mal voraus.
Das bedeutet 8,10 pro Tag. Wir wollen damit nicht mit erhobenem Zeigefinger auf Missstände deuten, oder eine politische Botschaft senden. Es geht uns hauptsächlich um die eigenen Erfahrungen.

Tag 1
Raul:

Das Experiment beginnt. Will heuteabend Cocktailtrinken gehen. Darf also vorher nix ausgeben.
Schmiere mir ein Brot für die Mittagspause. Meine Kollegen lachen mich aus.
Meine Mitbewohnerin Andrea sagt: “Lange hälst du das Brot schmieren jeden Tag nicht durch.” Sie weiss, wovon sie spricht.
Habe auf dem Weg zur Arbeit 10 Cent verloren. Ärgerlich.
Es ist 12. Ich sitze im Büro und habe Hunger. Esse ich jetzt meine Stulle? Habe mir wohl zu wenig mitgenommen.
16 Uhr: Ich würde mir gernen einen Zitronentee kaufen. Trinke Leitungswasser.

Cocktailtime: Trinke einen Baileys. Zum Glück wurde ich eingeladen.
Bilanz heute: 0 € ausgegeben.

Lisa:

194,44 € für 24 Tage.
Der erste Tag auf Hartz 4-Satz. Wache auf mit dem Gedanken, mir zum Frühstück irgendwo ‘nen Kaffee zu holen, aber trinke dann doch lieber den schwarzen Tee, den ich noch zu Hause habe. Schmeckt gut. Habe zum Glück letzte Woche kurz nach meinem Urlaub noch mal meinen Kühlschrank vollgekauft. Das wird noch n paar Tage für Frühstück reichen. Heute Abend gehe ich mit meiner Mama essen, da zahlt meistens sie. Wie es aussieht wird das ein günstiger erster Projekttag.

Wir berichten einmal die Woche.

Raul und ich starten heute einen Selbstversuch. 24 Tage auf Hartz 4 (ALG II). Bei einem Regelsatz von 359 Euro (ab 1.7. gab es eine Erhöhung von 351 auf 359) und bei Weiterführung unseres jetzigen Lebensstandards was Strom (20 Euro), Telefon und Internet (30 Euro) und BVG-Ticket (Sozialticket für 33,50) angeht, bleiben uns noch ...

Tags: Hartz IV
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